Reise Tagebuch
Iran '07
“Reisen veredelt den Verstand und räumt gründlich mit unseren Vorurteilen auf."
Oscar Wilde
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15.04.07 In das wilde Kurdistan
Das Thermometer musste die ganze Nacht bei 3°C zittern. Ein bewölkter Himmel grüßt uns, als wir frühstücken gehen. Wir plaudern während des Frühstücks mit unseren niederländischen Tischnachbarn, die wir in der Pension vor 2 Tagen kennen gelernt haben. Der Abschied von Kemal’s Guesthouse fällt uns schwer, wir haben uns hier sehr wohl gefühlt, haben nette Bekanntschaften gemacht und das leckere Essen wird uns fehlen!
Während Rózsika die letzen Einkäufe tätigt, unterhält sich Andreas mit den Einheimischen, die neugierig um das Auto stehen und jede Menge Fragen haben. Die Freude ist groß, als plötzlich ein weiterer Landrover auftaucht und direkt neben uns parkt. Auf eine herzliche Begrüßung folgt ein langes Gespräch mit den drei Globetrottern (Andrew, Jaye und Susie), von denen zwei in London gestartet sind und innerhalb von 9 Monaten bis nach Kapstadt in Süd-Afrika gelangen wollen.
Andrew ist bereits weit herumgekommen, war vor vier Jahren selbst im Iran und meinte nur: „You will love ist! It’s fantastic.“ Wir tauschen noch unsere Webadressen aus, wünschen uns gegenseitig eine gute Fahrt und brechen auf in Richtung Osten.
Nicht zum ersten mal sehen wir Männer auf Tracktoren in Anzug sitzen – ein ulkiger Anblick.
Unser Weg führt neben Kayseri, einer Provinzstadt vorbei. Sie diente in ihren glanzvollen Jahren als zeitweilige Residenz der Sultane. Hier trafen einst mehrere Karawanenstraßen aufeinander. Das erklärt, dass sich im Umkreis von 30 bis 40 km (das entsprach ungefähr einem Tagesmarsch) etliche Karawansereien befinden.
An einer Tankstelle wird uns ein Kaffee direkt auf einem Tablett an die Zapfseule gebracht, den Andreas dankbar annimmt. Was für eine nette Geste!
110 km vor Sivas auf der Hochebene (1880 m) bei 8°C erwischt uns ein kurzer Schneeregen.
Die Bäume sind kahl, unsere Windschutzscheibe ist insektenfrei – der Frühling lässt hier auf sich warten.
Gegen 16 Uhr halten wir neben der Straße hinter einem Fels an und bereiten uns das Abendessen vor. Es ist kalt und windig, aber sobald sich die Sonne zeigt, wird es viel angenehmer.
Als wir gerade losfahren wollen, taucht ein Auto neben uns auf. Plötzlich sehen wir 7 neugierige Männer, die Andreas gleich mit Fragen bombardieren. Obwohl sie bestimmt harmlos und nett sind, beschleicht uns ein mulmiges Gefühl.
Die Türen springen auf und einer von ihnen tritt heraus, es werden die Hände geschüttelt und als wir uns zum Auto umdrehen, sind sie auch schon wieder weg. Wenn man doch nur ein wenig Türkisch könnte!
Weitergeht die Fahrt durch die Hochebene, bis es gebirgiger wird und wir ein tief eingeschnittenes Tal einfahren.
Die Farbe der Berghänge wechselt alle 100 m zwischen grün, gelb und rot. Ein sagenhaftes Farbenspiel, wie es Andreas nur aus Island kennt. Teilweise sind die Hänge schneebedeckt. Wir erreichen eine Passhöhe auf 2165 m. Hier oben hat nur noch 2°C.
Laut unseres Reiseführers sind in Südostanatolien viele Gegenden bitterarm, lediglich reich an Mangel an Arbeit und Perspektiven. Infolge des kurdisch-türkischen Krieges (1984-1999) flüchteten Hunderttausende von Landbewohnern in die Städte. Die Zurückgebliebenen versuchen den Boden nutzbar zu machen.
Die Straße folgt in engen Kurven dem Talverlauf wieder hinab, mal asphaltiert, mal nur geschottert. Ein 40 Tonnen LKW überholt uns auf der Talfahrt und wir fahren schon 90 – der muss wirklich gute Bremsen und Nerven haben.
Nachdem wir die nächste Passhöhe erreicht haben, zeigt das GPS einen Campingplatz an. Wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass es hier so etwas gibt. Doch plötzlich taucht ein Schild auf und nach 481 km nehmen wir die Aufforderung zum Übernachten dankbar an. Ein Mann eilt gleich herbei und spricht uns auf sehr guten Deutsch an, sodass wir uns gleich sehr willkommen fühlen.
In der kleinen Gaststube wollen wir noch etwas warmes trinken. Wir öffnen die Tür und Männer mit dunkelbraune Gesichtern, schwarzen Haaren schauen uns aus funkelnden Augen an. Wir treten ein und ein Gast ruft „Welcome“. Man bringt uns Tee und Wasser in einer silbernen Karaffe. Ein Feuer knistert im gusseisernen Ofen. Zigarettenrauch hängt in der Luft, das Radio spielt orientalische Musik. Wir sind im wilden Kurdistan.
Als wir bezahlen wollen, lächelt man uns an und macht uns verständlich, dass wir eingeladen sind. Wir bedanken uns höflich und leicht beschämt. Man öffnet uns die Tür und verabschiedet uns in die eiskalte Nacht.
Aus einem Paar Meter Entfernung hören wir schon die Standheizung unseres Gefährts. Das wird eine kuschelige Nacht.
Unsere Route: