Reise Tagebuch
Iran '07
“Reisen veredelt den Verstand und räumt gründlich mit unseren Vorurteilen auf."
Oscar Wilde
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16.04.07 Durch das wilde Kurdistan
Das wird doch keine kuschelige Nacht: unsere Standheizung hat sich nach einer Stunde abgeschaltet und war nicht mehr in Gang zu bekommen. Wie wir später noch erfahren sollten, liegt das an der Höhe. Wir stehen gerade auf 1800 m Die Schlafsäcke müssen nun beweisen, ob sie ihr Geld wert sind. Draußen sind es –3,3°C im Auto nur –1,3°C. Sogar die oberen Scheiben sind inzwischen von Innen gefroren. Aber die Schlafsäcke sind schön warm und so überstehen wir die Nacht gut.
Nachdem wir unsere Sachen zusammengeräumt haben, gehen wir uns in das kleine Gasthäuschen um zu frühstücken. Der Koch winkt Rózsika in die Küche und zeigt auf Ei und Käse. Sie nickt begeistert. Ein leckeres und mit viel Liebe zusammengestelltes Essen mit Tomaten, Gurken und Oliven garniert kommt bald auf den Tisch. Das Feuer im Ofen wärmt uns auf. Wir nehmen an, dass MTV nur extra unseretwegen brüllend laut angeschaltet wird. Unser Gastgeber steht schüchtern etwas abseits. Als Rózsika kurz auf die Toilette verschwindet kommt er zu Andreas und eine Unterhaltung mit Händen und Füßen beginnt. Wir zeigen auf der Karte woher und wohin, malen ein paar Sachen auf einen Zettel. Als wir schließlich bezahlen wollen, protestiert er und gibt uns zu verstehen, dass wir eingeladen sind. Jetzt geraten wir in Verlegenheit. Wir wurden sowohl gestern Abend, als auch heute morgen eingeladen und die Übernachtung soll auch nichts kosten. Als kleine Geste lassen wir ihm Schokolade zurück. Herzlich verabschieden wir uns.
Als wir gegen 9:30 Uhr weiterfahren, ist jeder von uns in seinen Gedanken über die selbstlose Gastfreundschaft dieser Leute versunken.
Als wir für ein Foto kurz anhalten, wird Andreas gleich von einem Arbeiter, die die benachbarte Bahnstrecke instand setzen, zum Tee eingeladen. Zwei andere winken uns herüber. Dasselbe erleben wir in der Elektronik-Abteilung eines Einkaufzentrums, als wir sagen woher wir kommen.
Wir müssen leider weiter, wenn wir vor der iranischen Grenze noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen wollen und noch einige Kilometer vor uns haben. Die rieseigen Schlaglöcher, die das zügige Vorankommen verhindern, haben wir allerdings nicht in unserem Zeitplan einkalkuliert.
Die Piste ist so breit wie eine Landbahn und jeder sucht sich seinen Weg mal auf der linken, mal auf der rechten Seite oder alle fahren in der Mitte. Der Gegenverkehr übrigens auch.
Heute fahren wir durch die landschaftlich atemberauendsten, aber auch rauesten Winkel unserer bisherigen Reise. Der Winter hat die Landschaft noch fest im Griff. Selten steigt das Thermometer über 3°C. Der Höhenmesser zeigt immer über 1600 m an. Das Leben in dieser dünn besiedelten Region Ostanatoliens ist entbehrungsreich bis bitterarm. In den Dörfern fallen aufgetürmte Kuhdung-Pyramiden neben den kleinen Lehmhäusern auf - sie sind Brennmittel in einer Welt ohne Zentralheizung und heißem Leitungswasser. Industrie gibt es kaum. Die einzige Ausnahme bildet da Erzurum, die Hauptstadt Ostanatoliens.
Wir sehen viele Polizisten, Soldaten unterwegs. Unzählige Panzer stehen auf jedem Militärgelände, an dem wir vorbeifahren. Und das sind einige. Als Tourist sollte man zur eigenen Sicherheit auch nicht anhalten, wie man uns bei einem Fotostop versucht klar zu machen. Wahrscheinlich hat man hier Angst, die Touristen könnten beim Tee mit den Einheimischen ein falsches Bild über die Situation vor Ort bekommen.
Wir fahren vorbei an schneebedeckten Gipfeln und tief eingeschnittenen Tälern durch die rauschende Flüsse zu Tal strömen. Ab und zu schneit es leicht.
Bei Kilometer 5104 km erreichen wir Dogubayazit unweit der iranischen Grenze. Stolz erhebt sich in Sichtweite der größte Berg der Türkei, der Ararat mit seinem schneebedeckten Gipfel. Leider sehen wir nur seinen mächtigen Sockel, der aus der Ebene bis auf 5137 m aufragt. Iran, Armenien und Aserbaidschan sind nur ein paar Kilometer entfernt. Als der Stratovulkan 1840 das letzte Mal ausbrach kamen 2000 Menschen ums Leben. Seither herrscht Ruhe, was nicht heißt, dass der Ararat heute keine Opfer mehr fordert. Jedes Jahr kommen einige von den Hunderten Bergsteigern auf ihm ums Leben, weil sie die Wetterbedingen falsch einschätzen.
Es ist 18:30 Uhr und der Ishak Pasa Sarayi wird von der untergehenden Sonne in ein herrliches Licht gerückt.
Auf dem Campingplatz Murat, der direkt unterhalb des Palstes liegt, werden wir von Jürgen aus Berlin empfangen. Er organisiert hier die Ausflüge in die Umgebung und auf den Ararat.
Während wir unser schmackhaftes Abendessen in der riesigen, verräucherten Speisesaal zu uns nehmen, leistet er uns Gesellschaft und erzählt über seine Reisen und gibt uns wertvolle Tipps. Wir lernen auch Erika, Arne und Jürgen kennen, die auf dem Weg in die Mongolei sind. Wer von uns kam eigentlich auf die Idee im Iran schon umzudrehen?
Jetzt geht’s wieder in die Schlafsäcke. Die Standheizung lief dann doch noch mal kurz, wenigstens lange genug um den kompletten Innenraum mit Abgasen zu verpesten. Das Drecksteil scheint einen kapitalen Defekt zu haben. Aber wer braucht schon im Winter im Gebirge eine Standheizung? Das Brummen der Standheizungen der drei benachbarten Wohnmobile wiegt uns in den Schlaf. Andreas träumt von einer iranischen Tankstelle, muss wohl die Vorfreude oder der Dieselgestank sein, der sich in den Schlafsäcken festgekrallt hat…
Unsere Route: