Reise Tagebuch
Iran '07
“Reisen veredelt den Verstand und räumt gründlich mit unseren Vorurteilen auf."
Oscar Wilde
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02.05.07 Südostanatolien
Um 6:00 Uhr stehen wir auf und machen uns fertig. Bevor wir Dogubayazit verlassen, wollen wir uns den Ishak Pasa Sarayi noch einmal von oben ansehen. Das prächtige Gebäude steht jetzt in der Morgensonne.
Als wir in die Ebene hinab fahren, sehen wir den Ararat (5137m) und seinen kleinen Bruder ohne Wolken um den Gipfel. Ein wahrlich atemberaubender Anblick. Der Ararat ist der Berg, der am höchsten aus einer Ebene hinauf in den Himmel ragt. Die Berge im Himalaja sind zwar höher, jedoch liegen die umgebenen Täler bereits sehr hoch.
Weiter führt unser Weg Richtung Westen. Um 9:20 Uhr erreichen wir in einer Höhe von 2644 m bei Uzunyol den 10.000. Kilometer unserer Reise. Es ist 6,5°C. Die Berge sind tief verschneit. Noch vor ein paar Tagen lähmte hier ein Blizzard den gesamten Verkehr. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken und lugt ab und zu hervor.
Um 10:30 machen wir eine kurze Pause am Van-See, dem größten See der Türkei. Er ist etwa siebenmal größer, als der Bodensee. Das bis zu 400 m tiefe türkisfarbene Wasser hat einen sehr hohen PH-Wert und fühlt sich seidenweich an.
Wir stellen fest, dass der Frühling in Südostanatolien wegen der Höhe immer noch auf sich warten lässt. Nur die wenigsten Bäume zeigen etwas grün und es ist noch recht kühl. Auf den Feldern wird fleißig gearbeitet. Hier wird noch mit der Hand gesät. Mittags ist es um die 20°C und die Sonne scheint.
Auf den 3000 m hohen Vulkan Nemrut Dagi können wir nicht ganz hochfahren, weil ab 2000 m noch viel Schnee liegt und der Weg nicht geräumt ist. Ein starker Wind weht und Andreas sinkt auf einer Erkundungstour bis zum Knie in den Schnee ein. So bleibt uns der Blick in die Kraterseen leider verwehrt.
Als wir durch ein kleines, düsteres Dorf fahren, erleben wir etwas Merkwürdiges: alle kleine Mädchen auf der Straße lächeln und winken freundlich, aber alle Jungs sehen griesgrämig aus und schauen uns fast feindlich an. Bei unserem Anblick dreht sich sogar einer der Jungs um und kneift die Augen zusammen. Die Häuser sind einfach und schäbig, die Straßen schmutzig und Müll liegt überall herum. Als wir außerhalb des Dorfes kurz anhalten um auf die Karte zu schauen, kommt ein etwa 9 jähriger Junge zu uns. Er schaut in unser Fenster rein und wir reichen ihm eine Hand voll Süßigkeiten. Ohne ein Lächeln oder ein Wort des Dankes steckt er sie gleich weg und fragt uns nach Geld.
Beim Durchfahren riesiger Schlaglöcher (bis zu 30 cm tief!!) werden wir durchgeschüttelt und kommen daher nur langsam voran – besonders auf den Bergpässen.
In einem Dorf rennt uns ein kleiner Junge schreiend mit erhobener Faust hinterher. Da Landrover hier nur vom Militär gefahren werden, haben wir wohl kein gutes Image.
Wir fahren durch fünf Militärkontrollen. Ehe wir uns versehen, sitzt ein Soldat in unserem Auto und kramt in unseren Sachen. Aber es schaut eher nach Neugier aus, als nach einer ernsthaften Durchsuchung. Je westlicher wir kommen, desto weniger und oberflächlicher werden die Kontrollen, meist winkt man uns durch.
Kleine Kinder verkaufen am Straßenrand Gemüse, was wie Rhabarber aussieht.
Tonnen von Plastikabfällen schwimmen in den Flüssen. Der Müll bleibt in den Bäumen hängen und bildet riesige bunte Haufen. Die traumhafte Landschaft erstickt buchstäblich im Müll. Der Anblick macht uns traurig. Das ist mit Abstand die ärmste Gegend in der Türkei, die wir bisher bereist haben. Arbeits- und Perspektivlosigkeit ist den Leuten ins Gesicht geschrieben. Lange denken wir noch an die Kinder zurück.
Mit 7-Meilen Stiefeln springen wir durchs Land. Wir wollen ans Meer!
Mit dem Voranschreiten des Tages wird es alles saftig Grün. Im Iran haben wir generell wenig Bäume gesehen, hier gibt es etwas mehr. Wobei man die wenigen Bäume auch noch zu Brennholz verarbeitet. An einer schönen Stelle am Straßenrand essen wir zum Abend. Viele Fahrer hupen und winken, als sie uns sehen. Es ist hier deutlich wärmer, um die 25°C. Wir freuen uns, dass es um 18 Uhr noch hell ist. Im Iran ging die Sonne zum diesen Zeitpunkt bereits unter. Auf der anderen Seite des Tales kreisen wunderschöne Bienenfresser, die in ihrem grün-blau-metallisch schimmernden Federkleid ein wahrer Augenschmaus sind.
Ab und zu halten wir kurz, damit ein Hirte seine Ziegen über die Straße treiben kann. Die Tiere weiden teilweise an steilen Bergwänden und sehen aus, als ob sie in die Landschaft geklebt wären – ein ulkiger Anblick.
Kurz vor Diyarbakir, der heimlichen Haupstadt der Kurden werden die Straßenverhältnisse deutlich besser. Es ist eine angenehme Wendung des Schicksals, besonders, weil es langsam dunkel wird. So fällt uns auf, dass der rechte Scheinwerfer die Strapazen nicht überlebt hat und ausgefallen ist. Wir halten an einer Tankstelle und bekommen freundliche, schnelle Hilfe. Der Tankwart organisiert jemanden, der eine Birne für uns hat. Die zwei Männer stehen die ganze Zeit neben uns und leuchten netterweise auch mit ihren eigenen Taschenlampen, während Andreas schraubt. Nachdem wir unseren Tee getrunken und getankt haben, fahren wir weiter.
Wir kommen endlich gut voran und sind sehr dankbar dafür. Wieder einmal merken wir, dass nichts auf der Welt selbstverständlich ist.
Bevor wir an einer weiteren Tankstelle halten, sehen wir zwei Unfälle. Es ist Zeit, dass wir schlafen, wir sind hundemüde. Der Tankwart zeigt uns ein Plätzchen, das am weitesten vom Lärm der Straße liegt und wir verschwinden in unserer kleinen Höhle.
Heute waren es 712 km.
Unsere Route: